Herbst.

Neulich hat es in München geschneit und es ist (manchmal) auch schon winterlich kalt – und da wir schon fast beim kalendarischen „Winter“ angekommen sind – ist es Zeit. Zeit dafür, den Herbst 2019 zu beenden und diese Respektjahreszeit (das war sie jedenfalls für mich) zurück zu lassen. Bei diesem Respekt ging es um den Blick nach vorn, um den Wunsch Dinge hinter mich zu bringen – und um das resultierende Gefühl des oben Ankommens und dem einzigartigen Machtrausch des „es ist vollbracht“. Tatsächlich kamen viele Dinge gleichzeitig zusammen, wodurch der Jahresabschnitt noch rauer als gedacht war – so rau, dass mir das Atmen manchmal sogar im Rückblick noch schwer fällt. Dieser Herbst war ein holpriger, indem vieles für eine Zeit sehr einfach war und bei dem mir am Ende – nach der Zielgeraden – die Kraft ausging.

Dafür war glasklar ein Energiefresser hauptverantwortlich. Über viel Frustration und Unverständnis und Kummer und zwei Momente der ultimativen Eskalation, als ich einfach nicht mehr weiter wusste und über viele Autofahrten hinweg (persönliches (Negativ)-Highlight an einem Wochenende: 1.800km in zwei Tagen) und über unzählige Kisten, die gepackt, verräumt und verfrachtet wurden bis hin zu zwei vollen Containern – war ein Umzug das beste und schlimmste, was dieses Jahr passiert ist. Wieviele Sorgen dazwischen lagen und wie viel innere Zerrissenheit und wie viel Stress und Planungen und Telefonanrufe kann ich schon gar nicht mehr sagen. Vielleicht war es deshalb erstmal nicht sofort befreiend, als das geschafft war. Vielmehr hat es Wochen gedauert, das innerlich ankommen zu lassen – das Wissen darum, das jetzt alles anders ist. Und viele Sorgen der Vergangenheit genau eines sind: Geschichte. 

Während der anschließenden Wochen war da zunächst erstmal – nichts. Ganzheitliche innere und äußere Erschöpfungsstarre. Ich werde zeitgleich mit dem Stress schlecht im Beantworten von Nachrichten und werde es zunehmend im Kontakt halten von meiner Seite und lerne daraus, dass es da dann manchmal schon nach nur kurzer Zeit kein Zurück mehr gibt. Ich fühle mich über Wochen hinweg wie der tote Luftballon, der sich oben am U-Bahn Gleis 1 am Münchner Hauptbahnhof verfangen hat und dessen Schicksal ich täglich beobachte. Schlaff ist er – und braust bei Kraft von außen auf einen Schlag extremst energetisch auf. Beim beobachten frage ich mich meistens, wie groß das Drama des Verlusts gewesen sein muss, als der Ballon aus der Hand flog und erdenke mir tausend und eine Geschichte dazu. Denn etwas zu verlieren, an dem das Herz ganz furchtbar hängt ist eine der schlimmsten Sachen (und ich habe noch nie ein Kind gesehen, dessen Herz NICHT an dem Luftballon in seiner Hand hängt).

Mein Herz hängt in Folge des Spätsommers an P. was mich völlig unerwartet trifft und was ich lange weder vor mir noch vor anderen wahr haben will und erst recht nicht eingestehe. Aber nach einem frühen sitzen am Frühstückstisch an einem Samstag Morgen, als mir schlaftrunkenen im morgendlich verknitterten St.Pauli T-Shirt ein Marmeladenbrot gestrichen wird. Da. Da verstehe ich, dass ich mich in die Person und in die Chance und in genau den Moment verliebt habe, der sich während dessen anfühlt, als würden wir unsere eigene Ewigkeit starten. Zu meinem Erstaunen geht das neben her auch noch und ist ungemein einfach und heimelig. Auch zu meinem Erstaunen und völlig unerwartet endet das nach all der Zeit im Nichts. Obwohl Nichts immer nie Gewicht hat – trifft es mein Herz so fest wie schon lange nichts mehr und mindestens tausend Tränen lang fliegen meine Herzenssplitter nach überall (ich suche noch).

Dazwischen höre ich mit dem Wort „Thrombose“ die erste wirklich schlimme Diagnose von meinem Arzt. Im ersten Moment ist das so ein böses Wort, dass für einen Augenblick mein Herz aufhört zu schlagen und mein Kopf zugleich sekundenlang damit beschäftigt ist, nach Symptomen und Folgen und Konsequenzen zu fahnden. Er findet keine und ich ärgere mich, nicht sofort zu wissen, was das für mich bedeutet. Am Ende ist „schlimm“ in diesem Fall lediglich mit schmerzhaft gleichzusetzen. Dafür bin ich dankbar und verstehe aber, dass mein Körper und ich so nicht mehr weiter machen können. Daher starte ich in der einen Woche wieder mit Sport und höre in der anderen (wieder) mit dem rauchen auf (es ist [fast] so einfach wie das letzte mal) und plane generell wieder mehr „gutes für mich selber tun“ ein.

In München werden zum ersten Mal Traditionen gebrochen – nie ein gutes Zeichen – und alle sind im Auf- und Umbruch. Ich denke an „The fine art of not giving a fuck“, ein Buch aus dem Sommer und an den Satz: „man hat immer eine Wahl“. Ich wähle und entscheide (über Wochen hinweg), die Lücken im Bücherregal wieder zu füllen. Es ist ein kleines Glück, keine vermissten Bücher mehr zu haben – obwohl sich alle drei nicht richtig anfühlen (vielleicht weil von zweien das Cover bei „meinen“ Ausgaben schöner ist – oder weil das dritte nicht mehr als gebundene Ausgabe zu bekommen ist). Irgendwie dazu passend schaue ich zunächst entsetzt und lache dann laut, als mir über Ecken erzählt wird, ich würde von S. vermisst. Tage später erst verstehe ich, dass das vielleicht auf irgendeine Art – ab und an – tatsächlich so ist. Ich vermisse T. zeitweise schlimm und (so wenig Sinn es auch macht), irgendwie auch S.

In Berlin kommt (ungewollt) der Babyboom an und eines wunderbaren Abends sitzen A. und ich über den Dingen und erzählen uns alles von allem. Sie sagt zur Kombination der Dinge, die Grund zum Aufschub für meine Ortswechselpläne waren: „wenn du es nicht sicher sagen kannst, dann ist es jetzt vielleicht noch nicht der richtige Moment“ und ich nicke äußerlich und denke innerlich „aber was, wenn es den Richtigen nie geben wird“? Rund um die Tage und Wochen nach diesem Gespräch wird alles rauer, wackliger und wilder und für eine Zeit wird die Aussicht immer Klarer. Ich denke lange, länger, und noch ein wenig länger über die Chance des „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ sein nach und schaue auf alles und frage mich, ob es Zeichen sind – oder doch einfach nur Zufall. Ob ich wirklich will, ob ich wirklich kann – ob ich weiß, was der Hauptgrund ist. Und dann in der Berlinerrunde das Gefühl, ein Hasenherz zu sein wenn es um das Thema geht und in der Münchnerrunde ein Verräterherz. Das Wissen, wen und was man gehen lässt – immer gegen das Unwissen, was und wer dann kommt. Und bei einem langen Spaziergang rund um einen bayrischen See neben dem Schloss, das schon lange auf der To-do Liste stand, mitten im zerrenden Herbststurm gestehe ich mir ein, dass es für diesen Umzug nie ein 100% geben wird und das aber in Ordnung ist. Und nach dem mir die Hand gereicht wird und das einen Beinah-Absturz am Hang zur Folge hat (umgestürzte Baumstämme auf dem Wanderweg | ist das mit dem Hand reichen nun ein Sinnbild für mein Leben (?)) wird mir klar, was da so stark für das dicke B oben an der Spree spricht: der Neuanfang. Und dann ja auch, dass das Timing eigentlich ja noch immer unverändert steht – und gehalten werden kann. (Und dann wieder ist es so, dass ich immer wieder hier ankomme: „ich habe mich entschieden. Und sage vielleicht.“

Jetzt aber: steht erstmal der Winter vor der Tür. Ich glaube – er bringt großartiges.

Die Musikbegleitung durch den Herbst:

*(…) If life were a song, you’re my favorite line (…)

(Das ist ausserdem unbezahlte und unbeauftragte Künstler- und Songwerbung)

Ein Gedanke zu “Herbst.

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