Früher, als ich jünger war, jünger im Sinne der Zahlen die eine zwei beinhalten, waren Geburtstage irgendwie blöd. Weil es ab der 21 nichts besonderes mehr gab auf das man sich freuen konnte. Aller Alkohol der Welt erlaubt, den Führerschein schon lange in der Tasche und dann durfte man auch offiziell ins Casino gehen.
Danach dann waren es Jahr um Jahr irgendwie nur noch neue Tage, die ein gefeierter Beweis dafür waren, dass schon wieder ein Jahr vergangen war. Ein Jahr weniger auf der Gesamtjahreszahl. Ein Jahr mehr, in dem gesellschaftliche Erwartungshaltungen nicht erfüllt wurden, ein Jahr mehr in dem Dinge nicht erreicht waren. Ein Jahr älter.
Das haben die meisten damals nicht verstanden. Diesen Tick, diese Schrulle, diese spezifische Eigenart von mir, mein eigenes Alter als enorme Geißel zu sehen und jedes vergangene Jahr eher als Misserfolg zu werten als denn als gelebte Zeit. Ich kann nicht sagen, wie oft da die Augen gerollt wurden über mich und diesen seltsamen Spleen. Scheinbar, weil diesen Druck außer mir nicht viele andere verspürt haben. Dieses Gefühl, etwas erreichen zu müssen bis zu einem bestimmten Alter um am Ende irgendwo anzukommen. Und diese Frustration Jahr um Jahr immer noch nicht angekommen zu sein.
Die große drei war dann für mich dementsprechend furchteinflößend. Weil man doch spätestens dann als Frau die Trümpfe in der Hand halten sollte: meine Karriere, mein Haus, mein Mann, meine Kinder, mein Auto, mein Feriendomizil.
Tick tick tick.
Und dann war die drei gar nicht schlimm. Die drei war vorwiegend großartig und das ticken wurde leise. Der innere Alarmton kam dann unerwartet mit der drei + 1. Plötzlich war man Über. Über der drei, und automatisch dann auch überfällig. Mit der Karriere, dem Haus, dem Mann, den Kindern, dem Auto und dem Feriendomizil. Parallel waren andere schon längst auf der Überholspur vorbeigefahren. Durch Aussagen wie „mit 32 sind Frauen über den Zenit“ – „ab 32 wird aufgerundet“ – „generell will Mann ja eine jüngere Frau“ wurden die Zweifel dann aus dem eigenen Freundeskreis weiter angeschürt. Aber irgendwann dazwischen wurde das in Ordnung. Weil es doch um das eigene Leben geht, nicht um das der anderen. Und plötzlich war ich wieder voll auf meiner Spur. Genügend Zeit noch für das alles, auch mit ein paar +Zahlen hinter der drei.
Tatsächlich hat es dann aber noch eine weitere Zahl hinter der drei gebraucht bis ich verstanden habe, wie wertvoll jedes Jahr ist. Wie egal Erwartungshaltungen anderer sind und wie unnötig, sich darüber Gedanken zu machen. Sich einfach glücklich zu schätzen, all diese Jahre schon gelebt zu haben. Wie kurz dieser Zeithorizont eigentlich ist – und wie sehr andere sich gewünscht hätten überhaupt auch nur in die Nähe einer drei zu kommen. Wie sehr es gilt jedes Jahr als das zu nehmen was es ist: Erfahrungszeit. Reisezeit. Herzenszeit. Freundezeit. Heldenzeit. Überraschungszeit. Momentezeit. Mutzeit. Freudezeit. Glückszeit. Lernzeit. Abenteuerzeit. Sternekuckzeit. Atemzeit. Erholungszeit. Und am Ende: Lebenszeit. Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute und Sekunde um Sekunde.
Heute also – bin ich sehr glücklich wegen einem weiteren Jahr und wegen jedem weiteren Tag darin. Wegen all der Momente, der Menschen, der Wege, der Herzklopfsituationen die darin kommen werden. Und daneben bin ich dankbar – für alles was ich bis heute lernen durfte in all dieser Zeit und für alles was da in der glitzernd-flirrenden Zukunft noch kommen mag.
Wahre und sehr schöne Worte 🙂 #carpediem
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