Das hat Corona aus mir gemacht. Eine Läuferin. Im Freien. Bei Wind und Wetter laufe ich mit meinem Herz gegen meine Herzfrequenz (nie hätte ich mir träumen lassen, dass das eine so schwere Sache ist). Und ich hätte Tränen gelacht, wenn jemand das vor einem Jahr behauptet hätte. Dass ich bei Regen, bei Schnee, bei Sonnenschein und bei Sturm meine Laufklamotten anziehen würde und nach draußen gehen und losrennen würde. Vermutlich hätte ich der Person auf eine liebenswürdig bestimmt freundliche Art den Vogel gezeigt und dazu mit den Augen gerollt.
Und ja. Gut, es hat den zweiten „Lockdown“ gebraucht, um es passieren zu lassen. Aber heute nun – liegt der Running Index 34,4% höher als noch im November – was in den Worten meiner Fitnessuhr einen Anstieg vom „naja“ Niveau hin zum „sehr gut“ Niveau bedeutet. (Die besten Tage sind die, hinter denen ab und an das „exzellent“ steht.) Und deshalb also. Bin ich ein Runner. Die dazu passende Hymne von Me und My Drummer: You`re a Runner.
Und das also ist eigentlich auch schon die eine wesentliche Sache, die sich in diesem letzten (und zugegebenermaßen hier auf diesem Blog mehr als stillen) Jahr geändert hat. Und dazwischen und drumherum gab es so viel zu sagen und zugleich so wenig, dass ich einfach nie die passenden Worte gefunden habe. Für diese Pandemie und alles, was sie mitgebracht hat in mein und unser aller Leben.
Was für die 2020 Retrospektive zu sagen bleibt:
- Der Fakt, dass mein Studium von der Situation profitiert hat. Denn das schlechte Gefühl, über Büchern zu sitzen während alle anderen viel schönere Sachen machen als zu lernen, hat sich in Grenzen gehalten. Außer exakt einmal, als ich einen Grillabend habe sausen lassen, weil ich absolute Klausurenpanik hatte.
- Der Fakt, dass ich vor genau einem Jahr Max mochte und Martin mich und dass Max seinen Job mehr mochte, als mich und ich dennoch Martin nicht. Die beste musikalische Umsetzung solcher Dreieckskatastrophen: Anna Depenbusch – Tim liebt Tina. In Folge gab es im Sommer ein bisschen Philipp und einen Herbst mit Michael und berauscht schönen Küchen-Tanzabenden (Danke dafür).
- Die Podcastidee, die heftig in einer Ecke meines Kopfes pocht und arbeitet und seit ein paar Wochen einen potentiellen Namen hat. Einfach, weil es so faszinierend ist, was hinter Worten und Taten der Leute steckt, weil wir am Ende sind, was wir denken und weil wir aber alle anders denken. Weil es spannend ist, dass Du und ich die Farbe rot ganz anders sehen und das ein und der selbe Moment durch zwei Menschen zu komplett unterschiedlichen Geschichten wird und warum das eigentlich so ist.
- Die Erinnerung an einen grandiosen Wandersommer mit Bergen in Bayern, Österreich und Südtirol. Trotz oder vielleicht gerade wegen der typischen Ninasituationen, in denen ich mal einen Berg auf meinen Knien hinabschlittere (erste Wanderung) oder im Matsch den Berg nach oben falle (letzte Wanderung) oder über meine eigenen Beine stolpere (meistens) oder – mein persönlicher Lieblingsherzschlagmoment – mit den Schnürsenkeln des einen Schuhs an der Bindung des anderen Schuhs hängen bleibe. Hierdurch lerne ich mittelschnell, dass Wandern für mich eine Form von Extremsport ist und, was es mit dem Wörtchen „Trittsicherheit“ eigentlich so auf sich hat.
- Die Wanderzeit, insbesondere ein Moment mit Aussicht auf einen Gletschersee und liegen in der Sonne und viel Zeit fürs Wolkenmusterentziffern veranlasst mich zu einem Prioritäten- Shift. Der mir zunächst Angst und Bange macht und in mir mehr als einmal die Frage „was werden die Leute sagen?“ auslöst. Am Ende gehe ich dennoch in Teilzeit und diese 32 Stunden Woche ist und bleibt die beste Idee des vergangenen Jahres.
- Die Tatsache, dass ich eines Tages erkenne, dass ich ein halbes Jahr nicht bei Instagram war. Und es nicht einmal schlimm finde und glücklich bin, weg zu sein vom Hype. Stattdessen genieße ich Steller und finde hier etwas wieder, das mir Instagram ganz am Anfang brachte: einfach nur schöne Bilder von schönen Momenten.
Und so flog das Jahr dahin, ohne dass ich es hier in Worte gefasst habe. Dazwischen wurden Hochzeiten verschoben, es wurde sich verlobt, die ersten Corona-Babies kamen auf die Welt und auf die neuesten wird gerade gewartet. Manche meiner Freunde sind um- oder zusammen- oder auseinandergezogen, manche haben sich ein Haustier geholt, manche lieben das Home Office, andere nicht und eigentlich – so ganz genau gesehen – war alles trotz allem im Fluss. Und mitterweile ist schon wieder Ende März und draußen vor der Tür ist nichts anders als im Vergleich zum letzten Jahr und irgendwie ja doch und wir alle Fragen uns wie das weiter geht und wie lange das noch dauert und…
Und so gibt es noch immer so viel zu sagen, für das es zu wenig Worte gibt. Ich für mich möchte aber konstanter wieder welche schreiben. Denn ich habe es vermisst.