Winter.

My oh my.

Am Ende des Herbstes hatte ich so ein Gefühl. Ein diffuses, ein kleines, ein mildes, ein anklopfendes. Es war wie ein leichtes antippen, auf einem Konzert nach dem man einen Schritt zur Seite geht um jemanden vorbei zu lassen. Es war wie ein kleines ziehen am Ärmel, nachdem man sich zur Seite beugt um sich etwas ins Ohr flüstern zu lassen. Es war da. Und es war irgendwie trotz allem gewiss. Es war Aufregung, aber die Gute. Eine, die mich hat glauben lassen, das der Winter wundervoll wird. Und das wurde er.

Im letzten Jahr noch lese ich die Rückseite eines Einbandes von einem Buch, das mich zum Nachdenken bringt. Die Autorin startet darin einen Selbstversuch – wie verändert sich Ihr Leben, wenn Sie Ihren Todestag kennt? Sie bestimmt für sich selbst diesen Tag X – genau auf ein Jahr später und setzt sich diesen als Endedatum. Nicht für Ihr Leben – sondern für den Versuch. Sie schafft so etwas, das Ihr vorher nicht möglich war: sie greift die losen Enden des „mache ich später auf“ und beginnt, den Fokus mehr auf jetzt, auf heute und auf den Moment zu setzen. Darauf, zu (er-)leben und mitzunehmen und zu genießen und nicht länger zu schieben. Ich setze mir kein Endedatum (wenn aber, wäre es ein Tag im November diesen Jahres) – aber dieser Grundtenor beginnt mich zu begleiten. Er sitzt in meinem Hinterstübchen und reist mit mir durch den Winter und beginnt sich ab dem Jahresende so richtig auszutoben.

Im Dezember fahre ich nach Strassburg und betrinke mich ein wenig auf den vielen Weihnachtsmärkten, die sich dort aneinander reihen und versuche mich zu erinnern wann und warum genau ich mit der Schule schon einmal dort war – es gelingt mir nicht. Ich schaffe neue Erinnerungen und habe endlich die Pause nach der ich im Herbst bei den Urlaubsreisen auf Malta und in Polen (vergeblich) gesucht hatte. In der  Silvesternacht macht das Buch mit dem Uhrenschlag dann ‚click‘. Während ich meine wundervollen Freunde beobachte, wie sie lausbübisch Raketen von der Straßenmitte abfeuern und grölend wie die kleinen Jungs die sie einst waren, Böller in unsere Mitte schmeissen, wie sie zwischen Nebelschwaden Babybauchstreichelfotos machen und wie sie hoffnungsvoll ins Sternenfeuer der ein oder anderen Wunderkerze blinzeln (ich glaube, wir haben mindestens 3.000 verbraucht in dieser Nacht) – da denke ich: „All in! Für dieses Leben – keine halben Sachen mehr, Nina!“. Als erste Tat starte ich so konsequent in „meine“ goldenen Zwanziger – und lasse Menschen zurück in dem ich die letzten sozialen Bande zur Vergangenheit lösche. Es fühlt sich in dem Moment sehr richtig an – obwohl ich gleichzeitig furchtbare Angst habe, es bereits am Morgen während der Zugfahrt zurück nach Hause zu bereuen. Dem ist bis heute nicht so – was für sich schon wieder ein Zeichen ist.

Ich fasse zugleich den Entschluss, ab sofort abends glücklich ins Bett zu fallen – jeden Abend und nicht nur an diesem Freitag, wenn man es vermeintlich wieder mal für eine Woche „geschafft“ hat. Ich erinnere mich an den Plan, meinen Master zu machen von vor fünf Jahren und verwerfe ihn direkt wieder. Dann erinnere mich an das Buch, an den Ansatz, wirklich jeden Tag zählen zu lassen – und fange an mit diesem Gedanken in meinem Kopf zu spielen. Ähnlich wie früher mit Murmeln – lasse ich ihn für eine Zeit hin und her rollen und gegen die Wand ditschten und für eine Zeit wird er ein Gedankenschmeichler. So befasse ich mich mit meiner Definition von Glück – und der Januar wird ein erster Challenge-Monat. Für 21 Tage mache ich eine „Happiness“-Challenge. Dabei rolle ich ab und an die Augen und denke häufig „ganz schön viel chichi“. Aber: es hilft. Alles davon. Ich fahre mit Freundinnen an die Ostsee – und der eiskalte Winterwind und der blaue Winterhimmel und das Meeresbrausen und das Mädelsquatschen machen meine Herzenswunden heil(er).

Weil das mit dieser Challenge im Januar so schön war, mache ich einen nahtlosen Übergang in den Februar und nehme an einer von einer Freundin über WhatsApp gestartete Meditationschallenge teil. Die Challenge ist einfach und gibt mir viel und an manchen Tagen warte ich sehnsüchtig auf die neue Aufgabe im „Postfach“. Wegen schlechter Priorisierung meinerseits schaffe ich die Challenge an drei Tagen nicht – auch das mit dem keine Süßigkeiten essen – eine zweite Challenge im Februar – klappt „nur“ an 25 Tagen, weil schwieriger. (Ich scheitere also leider an meiner eigenen Motivationsaussage, dass 29 Tage ja wohl total easy machbar sind – und es keinen besseren Monat als den Februar für Challenges geben kann, weil der Monat so schön kurz ist.)

Ich fahre mit der kleinen Miss A. nach Sachsen und wir haben unfassbares Wetterglück und wir wandern und fahren Fähre und bestaunen Dresden und sagen uns, wie großartig wundervoll besonders einzigartig wir und diese Welt doch sind. Wir stolpern darüber, das wir unabhängig voneinander den gleichen Plan gefasst haben und es Zeit ist, den Master zu machen. Wie schön es ist, da jemanden „mit im Boot“ zu haben – ist kaum in Worte zu fassen. Ich fasse den Entschluss, das jeder Monat solch eine Auszeit verdient und plane, ab sofort monatlich solch ein Get-away Wochenende zu machen. Selbst, wenn es nur ein kleines ist. Ende Februar toppe ich dann meinen neuen Challenge-Habit und mache zum ersten Mal mit in der Fastenzeit und verzichte auf Alkohol (vor allem wegen der anderen Menschen sehr schwer, ausgesetzt an einem Junggesellinenabschied und an zwei anderen Abenden eventuell auch).

Dazwischen geschieht etwas, an das ich gar nicht mehr geglaubt habe: ich komme an. Die Jagd nach diesem Ankommen hat mich so lange beschäftigt, dass das ankommen ganz seltsam war. Ich habe es mir so lange von großen Reisen und neuen Orten erhofft und leider auch sehr lange von anderen Menschen. Ein paar der Challenges und das Planschieben und das konsequente Arbeiten am Abends glücklich ins Bett fallen aber bringen mich hin. Zu mir. Ganz und gar und mit so viel Ehrlichkeit wie nie. Das ist etwas, das innen beginnt und eine ganz Zeit benötigt um nach außen zu dringen. Das ist etwas, das andere zu Beginn irritiert. Wenn man zum Beispiel die Frage „wie gehts“ mit „fantastisch“ beantwortet und dann die Gegenfrage bekommt: „was ist passiert“? Weil das ja die meisten glauben: das Glück und Zufriedenheit etwas von außen ist, etwas das einfach so passiert und dann da ist und „puff“ macht und einen zufrieden und ausgeglichen aufwachen lässt.

Im März unterschätze ich den Virus zunächst, überlege lange hin und her wegen einem geplanten Trip an den Gardasee und gebe ihn nur sehr schweren Herzens am Ende auf (die Sache mit der monatlichen Auszeit) und fühle mich bei Arbeitstrips von einer auf die anderen Woche plötzlich nicht mehr entspannt. Ich schneide meine Haare wieder so kurz wie in der Zeit des ersten Studiums  – fühle mich leider aber nicht wie erhofft gleich jung, agil und unbesiegbar wie damals. Helfen tut es trotzdem – und während der allerersten Vorlesung fühle ich mich nur mittelalt – und nicht alt zwischen den anderen. Zwei Tage nach dem Semesterstart überschlägt sich alles – und der Virus hält mich und uns und die ganze Welt in seinem ganz eigenen Spiel. 

Und so – ging der Winter zu Ende und hat gleichzeitig einen Anfang gesetzt. Vermutlich werden die Dinge in einer Woche wieder anders sein – ob wir anders werden „Post-Lock down“ wird sich zeigen. Festzuhalten bleibt: der Frühling ist da und auch, wenn er nur schwer zu genießen ist vom Schreibtisch aus mit Blick in den Hinterhof und ohne Balkon und mit manchmal komischen Gefühl im Magen wenn man spazieren geht und mit Feiertagen ohne Familie – brizzelt er. Und wird großartig und neu und blühend (trotz Statistik. Hoffe ich.)

Auch im Winter – gab es Musik:

(Das ist ausserdem unbezahlte und unbeauftragte Künstler- und Songwerbung)

 

 

 

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