Sommer. (10 hoch 500)

Für mich hat der Sommer 2019 im Mai gestartet. Mit einem Wochenende in Dubrovnik, das der Auftakt vieler Reisen war: Dubai, die Toskana, Nürnberg, Regensburg, Augsburg, Aachen, Friedrichshafen (wie seltsam heimatlich das war) und Salem und der Königssee und dazwischen Radln und Isar und Offenbach und Balingen (wie seltsam unheimatlich das war).

Auf der Stufenbar habe ich an einem der ersten wunderschönen Abende lange mit jemandem gesessen, mit dem ich so sehr gerne befreundet wäre und während dieses Treffens aber schon gewusst, dass es unser letztes ist. Weil Leben nicht immer zueinander passen. Und weil sich wahnsinnig gut verstehen nicht immer reicht für eine Verlängerung. Auch wegen der Arbeit, die Freundschaft macht. Und dann die, bei denen genau das einfach nebenher passiert ist: durch E-Mails mit der wundervollen „Liebchen“-Ansprache und spontane Tankstellenpausen auf der Autobahn – weil man zufällig erkannt hat, dass man nicht weit weg voneinander in die gleiche Richtung fährt. Und das schwerste was es hierzu im Sommer zu erkennen gab, war, dass manchmal das Beste, was in einer Freundschaft passieren kann (zunächst) nicht das Beste für alle Beteiligten ist. Und dann irgendwann habe ich verstanden, dass wir eigentlich ja schon lange nur noch unsere schöne Historie miteinander teilen (von der es noch nicht mal ein einziges gemeinsames Foto gibt). Jeder für sich und jeder mit eigenen Erinnerungen und einer eigenen Realität darüber. Denn eigentlich gibt es ja nur diese eine eigene, ganz persönlich individuelle Realität im Kopf, die nie so ist, wie die des Gegenübers.

Am Anfang des Sommers habe ich ab und an im Lieblingslokal geweint beim erzählen und dann noch ein bisschen mehr, weil jemand mit geweint hat wegen der Dinge und der Konsequenz und wegen all der damaligen Hilflosigkeit. Und wie dankbar ich dir dafür bin, kleine N., für das zur Seite stehen und mit mir sitzen und Tränchen verdrücken in der Not. Und wie dankbar ich bin, dass jetzt, am Ende des Sommers – so viel mehr Kraft in mir steckt und dieser riesige Berg, den es im Herbst nun zu besteigen gilt, so unfassbar viel weniger Angst macht.

Das habe ich generell gelernt in diesem Sommer: mehr Dankbarkeit. Für die Menschen, die da sind und zur Seite stehen. Die einem Playlisten erstellen und „einfach so“ Postkarten schicken und die hinterfragen und wissen wollen und piksen und stupsen, weil sie wissen, dass sie es tun müssen um mehr zu erfahren. Die schlau daher reden aus der Ferne und die Ideen haben und so ganz nah sind und die es nicht stört wenn man Romane (vielleicht in meinem Fall auch eher Hörspiele) an Sprachnachrichten verfasst, weil es so viel zu sagen gibt und weil es manchmal hilft, es nicht nur im eigenen Kopf zu hören. (Danke, F. – wie froh ich bin, dass Du mir gezeigt hast, dass Distanz bei wahrer Freundschaft keine Rolle spielt – und das sich unsere gemeinsame Sorge auf der einen Fahrt zurück zum Wertstoffhof Anfang des Jahres (erinnerst du dich?) so sehr in Nichtigkeit aufgelöst hat]). Die mit einem recherchieren und telefonieren und sinnieren und wütend werden. Die mit anpacken, wenn mein Päckchen (oder um die manchmal passendere fremde Formulierung aufzugreifen: die Speditionslieferung) mal zu schwer wird. Die einen überreden, nun doch einfach dieses Kleid zu kaufen und dafür, dass manchmal Jahre des nicht Sehens vergehen können – und es sich dennoch anfühlt als wäre man gestern erst zusammengesessen. Und natürlich bin ich dankbar für diese Wochen in denen das Glück Schlag um Schlag heran gestürzt kam. Was mich ungläubig hat staunen lassen und ab und an sprachlos gemacht hat, einfach weil es so daher prasselte und mich mitgerissen hat. Und dann das große Glück, das einem manchmal Datingplattformen bescheren. Mit dem Link in einem Profil, das ich nicht geliked habe, dass am Ende aber doch so einen großen Anstoß gab. Für ein Buch, für ein Suchen – und für einen anschließenden Prozess, indem ich mitten drin stecke und den ich gut finde. Durch den ich immer mehr verstehe, warum mir was eigentlich wichtig ist. Und dann natürlich das andere Glück – mit einem Namen – und einer Zwischengeschichte.

Müde und lethargisch war ich zwischendurch von diesen Dingen. Vom Planen und überlegen und der ellenlangen To Do Liste, die in diversen Themenvariationen in diversen Kalendern und Städteübergreifend auf verschiedenen Tischen liegen. Vom Zukunftsbammel und der Unschlüssigkeit. Vom nicht eintreffenden Gefühl der Sicherheit – trotz der andauernden Glücksaneinanderkettung. Von dieser vielen Fahrerei. Vom rennen und nicht ankommen. Vom Entscheiden, dem Umgang mit den folgenden Konsequenzen (die es nicht immer einfacher machen) und Abschied nehmen. Und letztlich war es dann an der Zeit, Entscheider zu werden und Verantwortung für zwei Menschen zu tragen, die das lange Jahre für mich gemacht haben. Somit: gibt es nur noch Taten [ich habe mich entschieden und sage vielleicht].

Und dazwischen dieser Songtext, der mich hat schlucken lassen:

‚Wer soll Dein Leben leben? Wer soll für Dich entscheiden?
Deine Lieder singen? Deine Geschichte schreiben?
Tust Du, was Du magst? Wer und wie willst Du sein?
Was wär der schönste Tag? Wann ist die beste Zeit?
Kannst Du am Ende sagen, das war ein schönes Leben
Ich hab genug bekommen und alles gegeben
Wann fängst Du an und erfüllst Dir Deine größten Träume?
Warum nicht heute?“*

Diese eine Minute in Berlin, die darüber entschieden hat, dass es nicht zum Fahrstuhlmoment kam. (Beeindruckend, wie schnell ein Herz rasen kann und man dabei dennoch nach außen die Coolness in Person bleiben kann).

Und dann natürlich: 10 hoch 500. Das ist die Anzahl an Universen, die es laut Stephen Hawking im Rahmen der Stringtheorie gibt. (Vor Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen und endlich gelesen). Darüber habe ich lange nachgedacht. Über diese unendlich große Zahl von Alternativen. Ob es sie tatsächlich gibt. In wie vielen davon ich andere Wege gegangen bin. Ob ich in einigen davon angekommen bin. Ob es irgendwo darin ein „besser“ gibt – oder immer nur ein „anders“. Ob es da irgendwo draußen ein „ich“ gibt, dass jede Entscheidung, die es je zu fällen gab – gegenteilig zu mir entschieden hat. Und wo diese andere Nina dann gerade in Ihrem Leben steht. Ich finde das ungemein faszinierend. Nicht, weil ich etwas ändern will – viel mehr, weil ich neugierig bin. Wie es hätte anders sein können. Und ob es denn überhaupt anders wäre.

Und so. Wurde aus Mai Juni und aus Juni wurde Juli gefolgt vom August. Und es war Sommer. Und er war gut.

Die Musikbegleitung:

(Das ist ausserdem unbezahlte und unbeauftragte Künstler- und Songwerbung)

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