März. Und April.

You’re always one decision away from a totally different life.*

Manche Monate fühlen sich an wie ein aufziehendes Sommergewitter, dem man mit guter Musik im Ohr entgegen geht. Mit Blitzen in der Ferne und Sturm in den Haaren. Mit Wetterleuchten und Regengeruch und dem Geräusch von Meer in den Bäumen. Die beiden letzten Monate waren genau so: alles wie immer und nichts mehr wie zuvor.

Und ich habe mich erinnert an die Morgende bei Dir, an denen Du die Fenster und die Wohnungstür aufgerissen hast – „weil lüften wichtig ist“ und das bibbern am leer geräumten Frühstückstisch und wie es sich trotz der fremden Stadt nach zuhause angefühlt hat. Und oft habe ich auf die ziepend leeren Stellen in meinem Bücherregal geblickt und mich gefragt, ob eines Tages keiner mehr weiss – oder vielleicht schon jetzt nicht mehr – woher diese Geschichten eigentlich stammen.

Und dann der eine Morgen, als mir klar wurde, dass ich meine Zukunft nicht in München leben werde, während der Geruch von Dill und Hochsommer in der Straße lag und ich dadurch erst im Garten meiner Großeltern und dann plötzlich am Bodensee – genauer, dem Kuhhorn – samt den selbst gemachten Sandwiches lag – und so in Sekunden Jahrzehnte an Erinnerung durch meinen Kopf geflogen sind. Da habe ich gedacht, dass Erinnerungsfetzen gute Fetzen sind und es eine positive Eigenschaft ist, dass ich immer nie etwas vergesse – weil es neben dem Kummer doch auch immer diese einzigartig guten Erinnerungen gibt.

Und dazwischen diese große Geschichte, die nun so klein zu Ende ging. Wie seltsam das manchmal doch ist, weil man doch eigentlich einen Knall erwartet, weil ein Ende in klein manchen Dingen gar nicht gerecht wird.

Und dieser eine sommerlich warme Abend mit dem tollsten Kompliment meines ganzen Lebens – einfach so an der S-Bahn Station – und dem Glücksrausch danach und dem Trinkspiel und dem Wein und dem leeren Handyakku auf dem Weg nach Hause (wie seltsam, dass man an so vielen Orten zugleich zuhause sein kann) und der – Gott sei Dank auch im stärksten Rausch erkannten – Gewissheit: du findest von hier nicht zu Fuß nach Hause in dieser Stadt – du steigst jetzt in ein Taxi und musst den Weg einfach schaffen. Das beherzte aufreißen der Taxitür, der niederschmetternde Satz „Kreditkarte is nich“ und mein hysterisch folgender Satz: „ich habe noch 15 Euro in Bar und muss nach X – schaffen wir das?“ Und der Taxifahrer (in Berlin sind es immer die besten): „das schaffen wir!“ Und dem am Tag darauf folgenden zweitschlimmsten Kater aller Zeiten („Da kommt man total erholt nach Hause und die Freundin liegt total verkatert auf dem Fussboden“). [Danke, L. für den Zwang des Gegentrinkens an diesem Sonntagnachmittag].

Und die Momente drum herum und die Geburtstags-Getaway-Urlaubsplanung trotz dem eigentlich schon vollzogenen Rückzieher meinerseits.

Der Moment, als diese eine Baustelle geschlossen war für eine Zeit – verbarrikadiert ganz innen drin – und die Leichtigkeit, als diese eine Sorge weg war – wenn auch nur unter Vorbehalt.

Der einseitige Abschied, der nach so vielen Monaten endlich final ist (und das kleine daraus gefolgerte Glücksgefühl des Recht habens). Das lange Telefonat während der Autofahrt einmal quer durch den Regen mit zwei verschiedenen Handys – einfach weil beim einen der Empfang eben doch besser ist und ich aber das andere ja nicht aufgeben mag weil ich das brauche und will, das weglegen am Abend und das nicht darauf sehen für diese zwei kleinen Tage in den langen Wochen. Und die anderen beiden Fahrten – einmal Hin und zurück nach Stuttgart – mit Lachen und Lernmomenten und einer no-bullshit-jobdescription, die irgendwie so gut klang aber eben nun mal nicht zum Plan passt.

Und die Sache mit der Frage, die ich im Fahrstuhl stellen würde – und der Antwort, die mir erst zwei Tage danach eingefallen ist: „na, immer noch nicht bei Google?“ und dem Wissen darum, dass es ein Tiefschlag wäre – einfach, weil es ein Insider ist und der trotz allem oder gerade deswegen unterschwellig notwendigen Genugtuung, die das zur Folge hätte. Einfach weil – ja genau – ich nicht vergesse.

Und dann noch: der Nickname #eichhörnchenaufspeed (so pumped, ihn erfunden zu haben) und plötzlich von der anderen Tischseite: meiner. Nach all den Jahren von den neuen (und gefühlt schon wieder alten) Kollegen im neuen Büro ganz von allein wieder etabliert.

Und das Wochenende mit dem Besuch aus Berlin und dem unfassbaren Moment auf dem Olympiaberg und dem Eingeständnis (vor allem vor mir selbst), dass der Plan im Herzen eigentlich schon lange fertig ist und nun also auch im Kopf angekommen ist und es eigentlich – um es ganz ehrlich zu sagen – sogar schon ein konkretes Timing gibt.

Und die vielen ungezählten Tränen auf der Autobahn – immer auf dem Weg zurück aus Frankfurt – gar nicht wegen der Heftigkeit des erlebten, sondern wegen all der offenen Fragen, die doch die Besuchten mir beantworten sollten – und nicht anders rum.

Der beste Konzertabend des bisherigen Jahres (Musik aus Berlin [um es mit einem Zitat einer anderen Band zu sagen: „(…) Ich bin mir sicher das du verstehst – weil ich in allem ein Zeichen seh – das mich mehr und mehr zurück zu Dir führt (…)“] und dann der Nachmittag mit dem Warten auf das Date, das nicht kam und dem (sehr unschönen) Gefühl, das danach einsetze und gekrönt wurde vom falschen Namen in der „wie gehts“? Nachricht Tage danach.

Und der eine Abend mit Wein und UNO und der gewonnenen Schlumpfine in der Münchner Boazn. (Wie tragisch schön, dass es den Moment an der U-Bahn fest in deinem Arm gab, an dem ich nach diesem Kuss ganz kurz für eine Sekunde dachte: angekommen.)

Und letztlich und generell für die letzten beiden Monate: #champaignforthelonely.

Und die Musik dazu:

*Dieser Satz hing im alten Büro unten am Bildschirm meines Computers. Für eine lange Zeit davor war er eine kleine Notiz in meinem Geldbeutel. Also irgendwie unterschwellig immer dabei – meistens aber nicht voll bewusst. Und nun gibt es diese Notiz schon so lange nicht mehr und schon seit über einem Jahr einen anderen Sitzplatz in zwei Büros in zwei so verschieden wundervollen Städten – und deshalb bin mir nicht sicher, warum er plötzlich mit voller Wucht zurück war in meinen Kopf. Aber: da ist er. Und hat nichts von seiner Wahrheit eingebüßt.

Hinterlasse einen Kommentar