Die Sache mit dem Wert (und seinen Facetten). 

Wert. Das ist eine sehr seltsame Sache wenn man sie sich ein paar Mal im Kopf hat zergehen lassen. Wert, Wertschätzung und Wertigkeit. Dinge haben meistens einen materiellen Wert. Die Menschen im Umfeld haben einen persönlichen Wert. Beziehungen haben einen emotionalen und die Anzahl der Aufkleber in Sammelheftchen manchmal aber auch. Wert hat für mich lange auch mit Moral zu tun gehabt – ist am Ende aber doch etwas anderes. Oder vielleicht bedingt das eine die Einstellung zum anderen. Oder auch nicht. Vielleicht sammeln sich Werte eher individuell in einem an – und Moral ist das allgemeingültige drum herum, das einem die Gesellschaft vorgibt.*  Und am Ende gibt es für manche Dinge dann doch einfach keinen greif- und  messbaren Gegenwert.

Neulich wurde in einem Telefonat mit meiner Familie der persönliche Wert einer Person in Frage gestellt. Und als Konsequenz von eben dieser gesagt, dass das Leben an sich ja nicht mehr lebenswert sei – weil ja jegliche Wertigkeit fehlen würde und es doch besser wäre wenn einfach alles zu Ende wäre. Schlimm war das – weil es mir einen tiefen Stich ins an dieser Stelle eh schon so mürbe Herz gegeben hat. Das ich es also nämlich nicht schaffe, einem mir wichtigen Menschen den zugehörigen unendlichen Wert aufzuzeigen. Wo ich doch so lange davon ausgegangen bin, dass das nicht mal ansatzweise in Frage gestellt werden kann.

Das ist eine wundersame Eigenschaft des persönlichen Werts: jemand kann einem viel Wert sein – aber diese Person kann diese Wertschätzung schlicht nicht erkennen. Und gerade die aber ist im gegenseitigen miteinander unfassbar wichtig denn ohne sie gibt es irgendwann als Konsequenz kein miteinander mehr, sondern nur noch eine gemeinsame Historie. An die man sich mal mehr – mal weniger gern zurück erinnert. Wenn Wert nun aber verschieden gelebt wird – und hierdurch dann ganz automatisch Wertigkeit ganz differenziert aufzeigt wird – kann es also aber passieren, dass der andere diese Wertschätzung gar nicht erkennt. Weil das Wertebild ein anderes ist und so eigentlich anders angesprochen werden muss und wohl manchmal an Stellen verletzt wird, die einem als Verletzer nicht bewusst sind. 

Im Nachgang erst habe ich dann verstanden wie wichtig fremde Wertschätzung ist – wenn man sich selbst gegenüber keinen Wert mehr hat. 

Natürlich sind völlig unterschiedliche Werte nicht immer eine Herausforderung. Manchmal ist es – oder wird es mit der Zeit – aber eine große. Mir ist das im letzten Jahr zum ersten Mal passiert: plötzlich habe ich eines Abends verstanden, dass mein Gegenüber und ich sehr verschiedene Werte haben – und wir den gegenseitigen Wert mehr als unterschiedlich zeigen. Und von jetzt auf gleich stand ich vor einer riesigen Herausforderung. Weil – klar – Werte sind individuell und beruhen auf so vielen unterschiedlichen Dingen, das es hier kein richtig oder falsch gibt – zumindest nicht in den allgemeinen Dingen – sondern eben nur Unterschiede. Wenn aber Welten zwischen Deiner und dem des gegenüber liegen – scheinen die Unterschiede auf einmal grenzenlos. Und mit dieser Grenzenlosigkeit habe ich lange gehadert. Weil dadurch noch andere Fragen aufkamen. Was es denn über mich aussagt, mit Menschen befreundet zu sein, die so ein anderes Wertbild haben. Ob mich das zu jemand anderem macht als ich lange dachte. Ob ich das denn eigentlich will, dass ich nie eine für mich offensichtliche Wertschätzung zurück bekomme. Und letztlich – ob ich das denn kann: akzeptieren, dass eine Welt zwischen mir und meinem gegenüber liegt – und ob ich sie, nun, da sie plötzlich für mich sichtbar zwischen uns lag – noch weiter missachten kann. 

Und vor ein paar wenigen Wochen erst bei einem Abendessen mit jemanden, dessen Wertbild auch lange weit entfernt von meinem war – habe ich verstanden, dass es an der Stelle eigentlich mehr um die Frage geht, wie weit man seinen Wertehorizont spannen will. Wie weit der eigene Dunstkreis – in Form eines Bekannten- und Freundeskreises – reichen soll. Das schöne an anderen Werten ist ja nämlich, dass sie einem andere Denkweisen und Betrachtungsweisen schenken und es so manchmal einfacher machen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Etwas, das man mit sich selbst allein gar nicht immer schafft weil man mitten drin im tiefen Lebenssuppenteller steckt und auch nicht mit den Menschen, die genauso ticken wie man selbst. Und das liebe ich. Das sitzen und reden und betrachten der selben Sache – die am Ende nicht das Gleiche ist. (Oder anders rum.) Und das bringt Input und Schwung und manchmal auch lodernde Glut – immer aber: Einblicke. Wenn der andere aber so weit weg ist, das man keine Brücken zu dessen Seite schlagen kann – bringt es nur noch Unverständnis. Und Kummer.

Und die Sache mit der Wertigkeit. Wie schafft man es, für sich selbst den eigenen Wert hochzuhalten wenn man von so vielen Gegenübern gefühlt so wenig Wert zurückbekommt und die Wertschätzung der eigenen Person durch andere nicht (oder nicht mehr) entdecken kann? Wie schafft man es, das interne Wissen nicht von externen Handlung überlagern zu lassen? Denn auch wenn man sich natürlich grundsätzlich bei manchen Menschen bewusst ist, dass sie vermutlich da ist – nur eben anders verpackt als man es erwartet und benötigt – ist das ewige Suchen nach Wertschätzung frustrierend. Weil man sich am Ende dann ja doch nie sicher ist – da man ja immer nur Zeichen interpretiert, die einem selbst aber ja suspekt sind. Und so bleibt es dann beim Glauben – und wird nie zu festem Wissen, dass das Gegenüber den eigenen Wert schätzt und man nicht nur ein Gelegenheitsacessoire im Dunstkreis des anderen ist. Und wer will schon ein Gelegenheitsaccessoire sein? Wollen wir nicht eigentlich alle feste Lieblingsteile in fremden Geschichten sein?

In diesem Fall vom letzten Sommer – habe ich bisher keine Brücke mehr gefunden (vielleicht auch einfach nicht mehr finden wollen) über die ich noch auf die andere Werteseite gehen kann, da ich auf der gefühlt nur ein Gelegenheitsaccessoire bin. Das schöne an Brücken ist aber: sie sind keine Einbahnstraßen, bei denen es nur den Weg auf die andere Seite gibt. Und daher muss man Brücken gar nicht voll überschreiten, sondern kann einfach diese Verbindung nutzen und nur ein paar Schritte gehen auf die andere Seite. Oder sich in der Mitte treffen. Und dann hat man gemeinsam einen schönen Moment oder vielleicht auch zwei und dann geht man wieder auf seine Seite. Und das Beste an (gut gebauten) Brücken ist: sie bleiben. Und manchmal – wie bei diesem Abendessen neulich – überschreitet man sie probehalber doch mal wieder komplett und lässt sich auf der anderen Seite alles zeigen und findet da unvermutet etwas, das man da gar nicht (mehr) vermutet hat: Gemeinsamkeiten.

 

*(Und vielleicht studiere ich doch noch Philosophie.)

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