Es gibt Menschen aus meiner Vergangenheit, die immer mal wieder in meinem Herz herumspuken, obwohl sie zumeist schon sehr lange kein aktiver Teil meines Lebens mehr sind. Eine Tatsache, die mich lange gequält hat. Verfolgt habe ich mich gefühlt von Erinnerungen – oft auch von einstigen Opportunitäten, die doch hätten sein können – und dem Gedanken „was wäre gewesen, wenn“. Ein riesiger Speicher voller Grausamkeiten – weil das „wenn“ eben so nie eingetreten ist und weil man die Wege eben gemeinsam so gegangen ist, wie man sie gegangen ist – und nicht anders. Ein nicht enden wollender Spuk von fehlgeschlagenen Versuchen Menschen im Leben zu halten, die nicht bleiben wollten – oder erst gar nie ganz zur Tür herein spaziert sind.
Passend dazu habe ich neulich irgendwann gelesen, dass Liebe in der heutigen Zeit oft mit Anziehung (oder war es Attraktivität?) verwechselt wird. Und das Liebe ja aber im Gegensatz zur Anziehung niemals endet. Vielleicht ist es also gerade das, was mir das Gefühl des „verfolgt seins“ vermittelte: das Nicht-Ende obwohl es ein Ende gab. Kleine Poltergeister im eigenen Herz in Form von Menschen, denen einst ein fester Platz darin gehört hat – aus Liebe und aus Freundschaft und aus daraus resultierender Wertschätzung – und die seitdem einfach geblieben sind, weil sie sich auf dem reservierten Platz auf dem Dachboden des fremden Herzens heimisch fühlen.
Weil Liebe also nicht (ver)geht.
Weil sie sich ändert mit der Zeit – natürlich – und weil aus dem Brennen und Lodern ganz in der Mitte des Herzens ein kaum mehr erkennbares Glimmen ganz am Rand wird. Aber am Ende bleibt sie eben doch und zeigt sich im aufblitzen von Erinnerungen. Beim Lesen eines Wortes (Bijoux). Beim Hören eines spezifischen Songs (Ooh La, The Kooks). Beim längst fälligen sortieren der Fotokiste (Konstanz, 02.05.2006). Beim vorbeifahren an einer bestimmten Haltestelle (Dülferstraße) oder beim Geruch eines spezifischen Parfums (Sculpture [Jahre später nachgekauft)].
Aber mit dem Lesen dieser Aussage, der folgenden innerlichen Prüfung auf Wahrhaftigkeit und der darauf resultierenden Akzeptanz war es plötzlich einfacher. Plötzlich waren diese Erinnerungsfetzen keine Qual mehr, Posts auf diversen sozialen Portalen kein gegen mich gerichteter Affront und erst recht kein Verfolgen. Plötzlich war das schön, wenn sie unerwartet um die Ecke schauen. Weil sie dazu gehören. Weil sie mich an Orte, Momente, Situationen, Städte und vor allem Menschen erinnern, die einst auf meinem Weg lagen und mir für eine Zeit unendlich wichtig waren. So wichtig, dass sie einen Platz bekommen haben in meinem Herz. Und so sind das eigentlich gute Geister, da sie beweisen, dass all das wichtig war – und nicht nur einer von vielen Momenten im Leben, die irgendwann – weil belanglos – in Vergessenheit geraten.
Deshalb wünsche ich mir manchmal mittlerweile, auch ein Gespenst in jemand anderes Herzen zu sein. Dass ich verfolge und spuke, weil ich wichtig war und das ich ganz ohne eigenes zutun ab und an und hin und wieder in einem fremden Herz und Kopf poltere und auf meinem reservierten Platz herumhüpfe. Und so ein kleines Erinnerungslächeln auf ein mir einst bekanntes Gesicht zaubere.
„Alte Bilder in meinem Kopf / Es ist seltsam, wie die Zeit geht (…) / Diese Bilder sind Geschichte / Von Menschen, die mir nah warn“ (Fotos – Viele.)
Und wer dazu passende Worte direkt hören will: Playlisttime: Herzgespenster.