Darüber habe ich aus aktuellem Anlass ein paar Nachtstunden nachgedacht. Schlägt man „verdienen“ im Duden nach findet man unter anderem das folgende:
- als Entschädigung für geleistete Arbeit in Form von Lohn, Gehalt, Honorar o.ä. erwerben
- einer bestimmten Reaktion, Einschätzung o.ä. wert, würdig sein; einer Sache aufgrund seiner Verhaltens zu Recht vorteilhaft werden.
Mit Blick auf das erste „verdienen“ – das Gehalt also – trifft „Entschädigung“ wohl für viele den Kern der Sache. Weil man einen Schaden hat, insbesondere einen zeitlichen, und im schlechtesten Fall auch einen persönlichen, weil einem gar nicht gefällt was man jeden Tag tut. Und generell bekommen die meisten Leute nach der eigenen Einschätzung am Ende des Monats ja zu wenig Entschädigung auf das eigene Konto überwiesen. Es gibt sogar Leute, die deshalb grundsätzlich der Ansicht sind, das man in diesem Zusammenhang gar nicht erst von „verdienen“ sprechen sollte – weil man doch grundsätzlich eh mehr verdient hat.
Und das zweite „verdienen“ dann. Dieses „zu Recht vorteilhaft werden“ – wie sich das schon liest. Wer gibt denn vor, wer Recht hat und warum darf nicht jeder einen Vorteil bekommen? Ganz aus dem Wort selbst heraus entsteht ja schon die Frage, wem man dienen muss, um zu bekommen was man will? Und sind wir denn nicht schon lange aus den Zeiten der Dienerschaft hinaus? Und ab wann ist man denn „würdig“? Wer legt das fest? Und vor allem wann? Gibt es einen Zeitpunkt an dem das festgelegt wird? An dem man die Hand heben muss, um Argumente vorzubringen die beweisen, dass man wertig ist? Wäre dem tatsächlich so – würden alle immer aufgrund Ihres Verhaltens zu Recht Dinge verdienen – würde das doch bedeuten, dass es einen ausgetüftelten Plan gibt, der hinter den Dingen steckt und auf Basis dessen alles für jeden (zumindest irgendwann) einen Sinn ergibt. Und das da jemand oder etwas ist, das einen beobachtet und im richtigen Moment Häckchen setzt und den Schalter umlegt, weil man etwas geleistet hat, dass einem nun etwas als Gegenleistung einbringt.
Ist die Essenz hiervon also, dass guten Menschen gute Dinge wiederfahren, weil sie sich das durch ihr „gut sein“ verdient haben? Im Rückschluss würde das bedeuten, dass schlechte Dinge schlechten Menschen widerfahren – weil sie es aufgrund ihres schlechten Verhaltens verdient haben. Bedeutet das also, dass sich manche Menschen als nicht „würdig“ erwiesen haben irgendwann beim Häkchenprozess? Auf Gesundheit, Liebe, ein zuhause, auf einen Beruf, auf Status und Erfolg – der in unserer Gesellschaft mittlerweile so wichtig ist – und man könnte ja noch so vieles nennen? Und die guten Menschen – weil sie ein Häkchen haben und das Kontrollkästchen des „verdient“ somit ausgefüllt ist – bekommen all das? (Da muss man ja nur eine Sekunde nachdenken und schon fallen einem „gute“ Menschen ein, die mehr Tiefschläge im Leben erfahren als Höhenmomente – und einige „schlechte“ die scheinbar alles Gute haben, was es an Gutem zu erhalten gibt.)
Das mit dem Verdienen ist also so eine Sache. Ich für meinen Teil glaube nicht länger, dass man sich Dinge verdienen kann im Leben. Ich glaube viel mehr, dass dieses riesig unendlich facettenreiche (Lebens-)Lotteriespiel für manche Menschen haushohe Gewinne ausspuckt und für andere niederschmetternde Verluste. Und für die allermeisten ab und an eine Portion Gutes als Ausgleich für Ihren Einsatz rauskommt. Aussuchen – oder gar verdienen – kann man sich das Ergebnis aber nicht.
Man kann nur immer wieder spielen (#expertatthefall).
(Vorsatz: den Satz „das hast Du dir verdient“ aus meinem Wortschatz streichen.)