Die Sache mit der Freundschaft.

Ein „Wir“ benötigt immer ein Ich und ein Du, bei dem diese beiden ganz unabhängigen Persönlichkeiten zu einander finden und miteinander Überschneidungen haben. Die Überschneidungen sind vielleicht sogar das allerwichtigste für ein funktionierendes „Wir“. Und dabei gelten aus meiner Sicht für die beiden größten „Wirs“ im Leben – Beziehungen und Freundschaften – die gleichen essentiellen Bestandteile: sie sollen einen stärken, sie sollen einem Rückhalt geben, sie sollen die meiste Zeit einfach sein und sie sollen einem in keinster Weise das Gefühl geben, in seinen Handlungen eingeschränkt zu sein. Im Bestfall ist es so einfach, dass es sich nach „zuhause“ anfühlt – einfach, weil es passt. Weil es einem das Gefühl gibt, anzukommen und abgeholt zu werden und man sich sicher ist, dass der andere jederzeit für einen da ist. Dieses Gefühl von zuhause habe ich nicht bei und mit so vielen Menschen, weshalb die, bei denen ich es habe, für mich immer etwas besonderes sind und ich genau denen besonders viel Platz in meinem Herzen einräume.

‚Du kannst dich wenn es nicht mehr geht
Auf meiner Schulter ausruhen
Weil ich weiß du wirst jeder Zeit das Gleiche für mich tun‘

Was aber, wenn es sich nach einiger Zeit für einen selbst nicht mehr nach einem zuhause anfühlt, nicht mehr nach einem „Wir“? Wenn man merkt das man unglücklich damit geworden ist, weil man selbst etwas neues möchte, vielleicht, weil man wachsen mag in Bereichen die den anderen nicht interessieren oder vielleicht auch, weil man versteht, dass man selbst kein festes zuhause für den anderen ist sondern eher eine spontane Übernachtungsmöglichkeit? Wenn man also merkt, dass die eigene Definition von „Freundschaft“ eine Ich-Geschichte ist, die von jemand anderem ganz anders wahrgenommen werden kann? Wenn aus der eigenen Perspektive da zwei Lebensstränge parallel verlaufen ohne sich je zu überschneiden und aus der anderen vielleicht aber immer noch ein sich überschneidendes „Wir“ vorhanden ist?

Eine Zwischenlösung kann es sein, ein wenig umzuräumen, neu zu sortieren und dem Ganzen einen neuen Anstrich zu verpassen – weil kleine punktuelle Veränderung manchmal ganz große Auswirkungen haben. Und dann – mit einem Schritt zurück – zu schauen, wie es in der neuen Farbe so aussieht. Oder eben mit ein wenig Distanz zu schauen, ob man mit dieser anderen Definition von Freundschaft zurecht kommt. Mit den spontanen Übernachtungen zu punktuellen Zeiten, eben dann, wenn diese Menschen einen gerade brauchen: einen Rat, eine Hilfestellung oder ein offenes Ohr. Und für sich zu sehen ob man akzeptieren kann, dass diese nicht immer bereit sind, einem das Gleiche zurückzugeben – weil es eben nicht ihrer Freundschaftsdefinition entspricht.

Einer der Sätze, die ich in dem Zusammenhang am allerwenigsten mag ist „meld dich, mich freut das“. Ich mag ihn zum einen aufgrund der Situation nicht, in der er mir zum ersten Mal gesagt wurde (was eine Trennung war) –  ich mag ihn aber auch nicht aufgrund der Dinge, die er im Hintergrund impliziert. Unterschwellig geht es in diesem Satz – beispielsweise entgegen einem „wir hören uns“ – aus meiner Sicht darum, freundschaftliche Verantwortung auf die andere Person zu übertragen und aufzuzeigen, dass man selber nicht motiviert ist, den anderen zu einer Priorität zu machen. Der Aufwand wird zur anderen Person geschoben und was für den „Sager“ des Satzes bleibt ist der Luxus, nur noch reagieren zu müssen statt zu agieren. Reaktion gepaart mit egoistischer Aktion ist aber eben nun mal keine Freundschaft. Das ist eine einseitige Bedürfnisbefriedigung, die einfach fällt, wenn man sich über die Schulter des anderen sicher ist.

Für mich sollte Freundschaft aber immer geben und nehmen sein: manchmal ein wenig mehr geben – und zu anderen Zeiten dann wieder mehr nehmen. Schlicht, weil es im Leben hoch und runter geht und weil man gemeinsam durch dick und dünn geht weil man sich gegenseitig wichtig ist. Weil man gemeinsam ein schönes zuhause haben will – in einer Freundschaft doch genauso wie in einer Beziehung. Entgegen einer Beziehung fällt es einem in Freundschaften aber oft schwer, seinen Kummer zu platzieren. Gerade bei jemandem, der sich zu 100% auf die spontane Übernachtungsmöglichkeit verlässt. Und wie sagt man das? Das man streichen will und einen Sessel kaufen und im Extremfall, das der andere bitte ausziehen soll? Manchmal kommt es mir so vor, als wäre es um einiges herausfordernder eine Freundschaft zu beenden als eine Beziehung. Denn da kann man im Bestfall ein ganz klares und unschlagbares Argument vorbringen: ich liebe dich nicht (mehr). Bei einer Freundschaft aber, bei einer Person, die man nach wie vor mag, bei der der Grund also irgendwie im eigenen Verhalten und irgendwie bei dem Verhalten des anderen liegt und nicht im nicht mehr mögen ist das anders. Da gibt es oft nicht dieses eine klare, unschlagbare Argument. Da gibt es mehr das Gefühl von „du gibst mir nicht, was ich erwarte“ gepaart mit einem Sammelsurium von Enttäuschungen. Das so schwer zu platzieren scheint eben weil die Definition – und damit einhergehend die Erwartungshaltung an eine Freundschaft – doch eine individuelle ist.

Vielleicht muss man das aber auch einfach akzeptieren. Dass es unterschiedliche Definitionen gibt, das Bekannte einen aus Ihrer Sicht als enge Freunde sehen, dass man jemanden zur Priorität macht, der einen im Gegenzug nur als nette Abwechslung sieht und dass man an den wichtigsten Freundschaften arbeiten muss wie an einer Beziehung. In denen nimmt (sollte) man den anderen ja auch nicht als selbstverständlich ansehen sondern großes Geschenk. Und vielleicht sollte man im anderen Fall auch ehrlich werden. Mit sich und mit dem anderen und offen sagen, wenn es sich ausgefreundet hat. Denn letztlich ist die Quintessenz die selbe: wer einen nicht glücklich macht, kann weg. Und das gilt für beide Seiten.

 


Der beste „nimm mich auf die Schulter“ Song den ich kenne: Fotos – Giganten

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