Es gibt ja diese Menschen im eigenen Umfeld, deren Weg wie ein lockerer Spaziergang aussieht. Auf einem relativ geraden Weg mit nur geringer Steigung, an dem rechts und links hübsche Blumenfelder liegen, dazwischen gibt es jede Menge Bäume, die im richtigen Moment mal Schatten spenden und unter denen ein kleines Bänkchen steht, auf dem man eine Runde verschnaufen kann. So einen Blumenwiesenweg.
Entgegen diesem Weg fühlt sich meiner oft nach einer Mischung aus sommerlich ausgebranntem Trampelpfad und bitterkaltem Mount Everest an. An sich nicht schlimm, über die Jahre ist mein Talent gewachsen, mich entsprechend auszurüsten und im richtigen Moment das passende Equipment heraus zu ziehen. Die Herausforderung dabei: entgegen dem Sommerkleidchen und dem kleinen Rucksack mit Trinkflasche und Sonnencreme, das für den ersten Weg reicht schleppe ich ganz schön viel Gepäck mit mir herum – und das sorgt für ordentlich viele stolperer.
Ich bin lange mit all diesem Gepäck auf meinen Wegen gerannt und das Ziel war ganz klar: dieser andere Weg, der ja immer sichtbar war und von dem mir immer so schöne Geschichten erzählt werden. Und lange war da die Ausdauer und der feste Glaube, das hinter der nächsten Kurve alles besser wird. „Nur noch eine Biegung und dann geht es bergab und dann bist du gleich da.“ Egal wie oft ich dabei gefallen bin: dieser Gedanke hat gepusht und gepusht und gepusht. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Immer wieder versuchen. Immer wieder hoffen. Aber: langsam und Schritt für Schritt bin ich dabei müde geworden. Und immer müder. Und bis da zuletzt dieses Gefühl war, dieses ausgebrannt sein, dieser Moment in dem ich nur noch hinschmeissen und mich endlich auf dieser bescheuerten Blumenwiese fleetzen wollte.
Das Problem: dieser schattige und schöne Weg ist eben nicht meiner. Und auf genau den komme ich auch niemals. Tatsächlich ist das Vergleichen des eigenen Weges mit dem der anderen wohl eines der schlimmsten Dinge die man sich selber antun kann. Das verharren, dass starren auf den Weg der anderen. Der Neid um die Blumen und den Schatten der Bäume und diese blöde Bank. Das zerrt und zehrt an der Seele und macht einen bitter und wütend und lässt einen die Steigung die da vor einem liegt noch steiler vorkommen. Wegen dieser Stimme im Kopf die sagt: ist das hier eigentlich gerecht? Warum gehe ich denn hier und der andere denn da? Wann wurde denn das entschieden? Wurde ich überhaupt gefragt? HALLO?
Auf dem letzten schneebedeckten Gipfel, den ich für mich erklommen habe, bin ich richtig schlimm gestolpert. Mit dem Kopf voraus und der Rucksack mit all diesem Gepäck war plötzlich so schwer, dass ich nicht mehr aufstehen konnte – einfach weil alles so schwer war und das einfach nur liegen so leicht. Und dann habe ich mich einfach lange Zeit nur darauf konzentriert Luft zu bekommen – denn davon war nur noch so wenig da.
Und dann hatte ich Glück. Denn da kam jemand und hat den Rucksack runtergezogen, genau im richtigen Moment, hat mich an der Kapuze gepackt und umgestossen und gesagt: steh auf! Vielleicht auch mehr als nur einmal – Konsequenz war an dieser Stelle eine große Tugend. Und letztlich habe ich mich dann tatsächlich irgendwann wieder bewegt, ganz vorsichtig, sicherheitshalber zuerst mal hingesetzt. Und dabei habe ich etwas entdeckt.
Auf meinem Berg. Ist es wunderschön. Es gibt Aussicht und Weite und unbegrenzte Sicht und keine Grenzen. Da gibt es frische Luft und Sturm und Abenteuer. Da geht es sogar noch höher hinauf, wenn ich das denn möchte. Da gibt es Kraft und Ausdauer und Vertrauen – in mich. Weil ich bis hierhin geklettert bin. Ganz allein. Und ja, das war kein Pappenstiel. Ja, ich bin dabei oft hingefallen. Ja, ich habe oft auch mal Pause gemacht. Ja, ich bin sogar manchmal umgekehrt und habe nochmal einen anderen Aufstieg gewagt. Und durch all das – habe ich so viel gelernt. Ich habe gelernt wie viel es zu sehen und zu erleben gibt. Ich habe auch gelernt, dass nicht alle Menschen deine Hand auch über der Klippe halten – viele lassen los und bringen erst mal sich voran. Das ist in Ordnung. Weil es auch die anderen gibt. Die, die die Hand halten. Und die, die auf der anderen Seite stehen bleiben und auf dich warten. Weil sie ein Stück länger mit dir gehen wollen. Und zuletzt – gibt es die, die dir den Rucksack auch mal abnehmen und sagen: steh auf! (Und weil man es viel öfter hören und lesen sollte: ich bin so froh, dass es dich gibt. [und ja, ich meine dich.])
Und jetzt ist es so, dass ich den Blumenwiesenweg sehen kann, ja. Und manchmal hätte ich gerne dieses laue Sommerlüftchen um mich und hätte gerne dieses Sommerkleidchen an, ja. Aber: ich habe verstanden, dass mein Weg – nur weil es ein anderer ist – gar nicht schlechter ist. Wilder und härter? Definitiv, ja – dafür aber mit grenzenlosem Ausblick. Und wer weiß? Vielleicht komme ich doch auch mal für längere Zeit auf eine Stippvisite auf den Blumenwiesenweg vorbei.