I ♥ Melbourne

In Australien haben – ähnlich wie Düsseldorf und Köln in Deutschland – Sydney und Melbourne eine Rivalität untereinander wenn es darum geht welche Stadt toller, cooler und lebenswerter ist (nur ohne die zusätzliche Bierrivalität). Tatsächlich kann man für beide ellenlange Top- oder Flop- Listen erstellen aus denen jeder ganz individuell seinen Gewinner ziehen kann. Für mich hat sich aber sehr schnell erschlossen, warum Melbourne die letzten fünf Jahre in Folge zur „lebenswertesten Stadt“ vom „Economist“ gewählt wurde.

Melbourne wirkt im ersten Moment recht langweilig (bei der Fahrt vom Flughafen zu meiner Unterkunft dachte ich „hmmm – ziemlich unspektakulär hier“) und es fehlt der Sofort-Charme, der einen in anderen Städten (wie zum Beispiel Sydney) sofort in seinen Bann zieht. Auf den ersten Blick ist Melbourne einfach nur eine große Stadt ohne Individualitätsmerkmal. Und dennoch war Melbourne für mich die spannendste Stadt während meines Australien-Trips, bei der die Zeit nicht annähernd gereicht hat, um sie wirklich zu entdecken. Eben weil es eine Stadt ist, die man entdecken muss – eine, die sich nicht auf einen Blick umfassen lässt, sondern eine, die viele und manchmal auch genaue Blicke benötigt.

Blicke auf die fantastische kulinarische Szene die es hier zu entdecken gibt mit zahlreichen Restaurants, die ein begeisterndes Angebot umfassen und von versteckten Kleinoden wie dem Milk the Cow in St. Kilda reichen, in dem man Wein- Bier- Cider- oder auch Champagner-Testings mit dazu passenden Käsesorten machen kann oder dem Colonel Tan’s dessen Mischung aus Club, Bar und Restaurant mit (fantastischer!) thailändischer Küche einfach nur so lecker ist, das man nie wieder gehen mag. Oder kulinarische Besonderheiten wie im Kloster Abbots, in dem sich mit dem „Lentil As Anything“ eine tolle Restaurant-Idee versteckt: Hier haben weder die Getränke noch das Essen einen Preis – man zahlt das, was es einem wert war. Der Kern der Idee dahinter ist einfach: das Lentil’s will essen ohne Grenzen bieten – nicht durch die Preise, die sich eventuell nicht jeder leisten könnte und nicht durch den sozialen Status, der es manch einem vielleicht nicht erlauben würde, das Restaurant zu besuchen. Und so sind am Ende im Lentil’s – unabhängig vom finanziellen oder sozialen Status – alle gleich und jeder darf sich an den Tisch setzen. Und dann die Straßen, wie beispielsweise die Chapelstreet, in denen sich Restaurant an Restaurant reiht und Bar und Bar in die man alle sofort stürmen mag um sich einen Platz zu erobern und dann einen ganzen Abend einfach nur zu sitzen und zu schauen und zu genießen wie zum Beispiel in herrlichen roten Plüschsesseln am Kaminfeuer wie im LaLaLand oder in China Town in der Berlin-Bar oder dem entzückend abgerockten Hells Kitchen mitten in der Stadt.

Dazu die (vermeintlich) versteckten Dinge, die man im vorbeigehen entdeckt wie all diese fantastische Streetart in quasi jeder Straße. Mich hat hieran vor allem begeistert, dass diese von der Stadtverwaltung unterstützt wird und hierdurch zum Teil auch mit Anmerkungen versehen ist, aus denen der Hintergrund des Künstlers und der Kunst hervorgeht. Und dann gibt es in Melbourne noch die Omnipräsenz von Designern, Stores und riesigen aneinandergereihten Malls, die es einem unmöglich machen nicht zu einer ausgedehnten Shoppingtour aufzubrechen. (Manchmal ist das begrenzte Volumen eines Backpacker-Rucksacks eine herzzerreißende Tatsache der man nicht entkommen kann).

Und dann gibt es da noch diese fantastischen Ausblicke direkt vor der Tür. Nur eine kleine Fahrt entfernt sind die berühmten Strandhäuschen in Brighton, dessen Strand selbst im Winter sehenswert ist. Eine etwas längere Fahrt entfernt gilt es dann die Great Ocean Road zu entdecken, die hinter jeder Kurve mit wahren Naturspektakeln aufwartet, bei denen man nur noch mit großen Augen über die Natur und die menschliche Baukunst wieder jedem Widerstand staunen kann.

Trotz geborgter warmer Jacke und frühem Sonnenuntergang ist für mich klar: wenn Melbourne selbst zu dieser Mäckel-Jahreszeit solch ein Gefühl von Heimeligkeit erzeugen kann – dann muss es im Sommer allumfassend sein. Und ich freue mich schon schrecklich darauf, diese Stadt so dann irgendwann nochmal ganz neu kennenzulernen.


Für Alkohol- und Käseliebhaber: Milk the Cow, 157 Fitzroy Street, St Kilda VIC 3182

Für asiatisches mit anschließenden Alkoholika oder Clubbesuch: Colonel Tan’s229 Chapel St, Prahran VIC 3181

Für ein wenig historisches Deutschland mitten in China Town: Berlin Bar, 16 Corrs Ln, Melbourne VIC 3000

Zum Frühstücken und Leute kucken: Mr Mister, 161 Chapel St, Windsor VIC 3181

 

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