Als ich vor knapp einem Monat am Flughafen in München stand und es ans „Tschüss“ sagen ging und ich plötzlich angefangen habe zu weinen (was mich von allen Beteiligten wohl am meisten überrascht hat), war das ein recht aufschlauender Moment. Denn er hat mir gezeigt, was da lauerte hinter der selbstgebauten „das wird alles ganz super“ Fassade. Das hinter der, ganz hinten in der Ecke wo es am lautesten hallt, der Gedanke steckte „das wird nix“ und ich sicher war, dass mich das alleine sein irgendwann belasten würde und das da dieser trostlose Moment kommen würde an dem ich Heimweh bekomme und voller Wehmut an zuhause denke.
Und nun ist ein Monat wie im Flug vergangen, ich bin in zwei Kontinenten gereist und habe viel gesehen und erlebt. Zumeist mit mir allein und nur ab und an mit jemandem für eine Zeit an meiner Seite und ich weiß jetzt, dass es geht. Dieses alleine reisen. Dieses alleine sein mit sich. Das geht sogar so gut, dass es gar kein Heimweh gab und sich nie das Gefühl des allein seins eingeschlichen hat. (Außer das eine Mal am Strand bei Sonnenuntergang zwischen vielen Pärchen – aber hey, welcher Single fühlt sich in so einem Moment denn nicht vom Universum gemobbt?)
Gerade dieses alleine sein hat viele schöne Eigenschaften. Da es tatsächlich jeden Tag, in jeder Stunde und in jedem Moment nur um einen selbst geht und darum, sich selbst glücklich zu machen, gibt es keine ermüdenden Diskussionen die in Kompromissen enden. Weil man eben mit sich selbst alleine ist, muss man auch nur sich selbst glücklich machen. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. In und mit den Momenten, die einen herausfordern und vor denen man sich fürchtet wächst man. So sehr. Das sind die Situationen, in denen man seine Komfortzone verlassen muss und nach denen man verstanden hat wozu man eigentlich fähig ist. Manchmal auch zu Dingen, die man sich selbst vorher nicht zugetraut hat. Und das wiederum pusht das Vertrauen in sich selbst. Weil man sich nur auf sich selbst verlassen kann und man für sich allein der Fels in der Brandung ist. Auch lernt man, besser auf sich selbst zu hören. Man hat in dieser ganzen Zeit mit sich allein viel Zeit zum nachdenken und lernt, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Emotionen besser wahrzunehmen und zu erkennen was einem – ganz für sich alleine – wichtig ist.
Natürlich gibt es auch Momente, in denen das alleine sein frustriert. Weil man ein außergewöhnliches Erlebnis hat, weil man so voller Freude ist, dass man den Moment unbedingt sofort mit jemandem teilen mag. Oder natürlich die unangenehmen Situationen, in denen man sich zu zweit wohler fühlen würde (wie der Weg zum Hotel in Beinahe-Dunkelheit einer indonesischen Kleinstadt oder während der Zwischenreiseschritte, bei denen man gerne fragen würde: „ist das jetzt unsere Fähre oder nicht?“). Diese Momente gibt es aber seltener als die tollen. Und sie bleiben einem auch nicht nachhaltig im Gedächtnis.
Im Rückblick sind jetzt schon fast nur tolle Dinge passiert. Und die kurzfristig ausweglos scheinenden Situationen (kein Geld aus dem Geldautomat, verlegte Kreditkarten, ein verloren geglaubter Pass, …) haben sich immer aufgeklärt und mir beigebracht, einfach mal die Ruhe zu bewahren. Natürlich werde ich mich auch an die ärgerlichen Momente erinnern, wie geklautes Essen im Hostel oder das angetoucht werden von vorbeifahrenden Rollerfahrern – aber dieser kurze Ärger ist auch schnell wieder verraucht. (Zumindest, wenn man in kurzer Zeit sehr laut sehr viele Schimpfwörter in verschiedenen Sprachen aneinander reiht).
Und tatsächlich sind da immer wieder Menschen, die einen auf einem Stück des Weges begleiten. Manchmal bleiben diese namenslos wie das Rentnerprächen in Australien, bei dem ich dachte „so will ich auch sein wenn ich in dem Alter bin“ oder die thailändische Medizinstudentin am Fährterminal, die auf dem Weg zum Wandern in Lombok war und die mir Reisetipps für Thailand gegeben hat, das dänische Pärchen im Taxi, das auch nach dem Weg zu meinem Hotel geschaut hat, weil meine Kartenapp auf dem Handy alles angezeigt hat, nur keine Straßen mehr und die beiden blutjungen Australierinnen im selben Taxi, von denen die eine wegen der Roller-Unfallspuren auf ihrem ganzen Körper mein lebender Beweis war, warum genau ICH eben keinen Roller geliehen habe oder der Schweizer in der letzten Unterkunft auf Bali, der mir während eines relativ kurzen Gesprächs gezeigt hat, wie schön es ist Menschen mit ähnlichen Leidenschaften zu treffen und wie sehr es manchmal hilft, wenn einen ein solcher jemand anstuppst und sagt „du bist auf dem richtigen Weg – und wenn du magst, helfe ich dir dabei“. Und dann die Leute mit denen man für eine längere Zeit Dinge erlebt wie Ursula aus Südafrika, mit der ich beim Schnorcheln am Great Barrier Reef so einen Spaß hatte und Erik, der deutsche Bierliebende Globetrotter, dem ich mein Leben beim Rollerfahren auf Bali anvertraut habe. Allesamt sind sie ein unvergesslicher Teil meiner eigenen Reisegeschichte geworden.
Vor meiner Abreise habe ich gelesen, dass man von einer solchen Reise nicht als der selbe Mensch zurückkehrt und mir das für mich selbst gewünscht obwohl ich dafür teilweise belächelt wurde. Nun ist das tatsächlich ein wenig so, weil man mit jedem neuen Ort und mit jeder weiteren Situationen einen neuen Teil zu seinem bisherigen „Ich“ dazu nimmt. Und von all den Dingen, die ich auf dieser Reise gelernt habe ist für mich das wichtigste, dass man immer nach seinem persönlichen „richtig“ entscheiden sollte und nie nach dem perspektivischen richtig der anderen – einfach, damit man unendlich stolz sagen kann: „I did it my way“.
Und nun, kurz vor dem Ende meiner Reise, bin ich ein wenig high von all diesen Eindrücken, Momenten, Orten und Menschen. Und das ist so ein Hochgefühl von der Sorte wie man sie immer wieder haben möchte. Ein Sinnesrausch, den man nie wieder missen möchte – mein ganz persönliches Heroin. (Wie gut, dass es nur noch 200 Tage bis zu den nächsten großen Abenteuern sind [und ja, es bedeutet etwas, das ich jetzt schon die Tage kenne]).
DARIADARIA hat ein tolles Video zum Thema gemacht: 7 Reasons To Travel Alone (as a woman)
„(…) There is a social stigma (…) people think that no one chooses to be alone (…) and that there must be something wrong with that person. (…) But the thing is: alone doesn’t mean loneliness.“