„Long time no see“

Manchmal kommt einem unerwartet jemand entgegen und das Gesicht, eine Geste oder ein Zwinkern,  in Summe eine ganze Person, kommt einem bekannt vor. „Wir kennen uns doch!?“ Manchmal hat man sich Monate oder Jahre nicht gesehen, irgendwann eventuell gar Jahrzehnte. Manchmal hatte man dazwischen Kontakt, manchmal war einfach Funkstille weil Leben nicht immer parallel verlaufen können / sollen / wollen.

Manchmal muss man um die halbe Welt reisen um jemanden wiederzutreffen. Zwar war das nun kein Zufall, sondern ein geplanter Moment. Aber von der Gefühlslage doch recht ähnlich: Dieses entdecken eines Gesichts in einer Menschenmenge, obwohl man gefürchtet hat, es womöglich gar nicht wiederzukennen. Der kurze Bammel vor dem Moment des „Hallo“ sagens – und die Frage im Hinterkopf, ob man sich denn gegenseitig überhaupt etwas zu sagen hat nach all den Jahren oder ob es gerade wegen denen so viel zu erzählen gibt, das die Zeit nicht reicht. Und was, wenn die klassischen Smalltalkthemen, die doch zumeist immer rasant zu Ende gehen, aufgebraucht sind? Kommt man mit einem Abend zurecht, der nach dem Aufbruch des Smalltalks in den anstrengenden Gefilden des unbehaglichen Schweigens verbracht wird? Bei einer Zufallsbegegnung kann man nach dem „Wie gehts?“ Danke, gut, selbst? „Auch gut, danke“ ja zumindest einfach weitergehen – „man sieht sich“. Aber bei einem gemeinsamen Abendessen muss man ja – zumindest wenn man höflich ist – ein bisschen sitzen bleiben.

Bei meinem geplanten Wiedersehen nun gab es keine Schweigezeit bis auf die zwischen den Themen die es eben manchmal gibt. Erkannt haben wir uns auch – irgendwie bleibt man ja doch gleich, auch wenn sich ein paar Erfahrungen mehr ins Gesicht gezeichnet haben. Wie schön das also war und wie froh ich darüber bin, vor ein paar Wochen über meinen eigenen Schatten und mit ihm über eine gemeinsame Vergangenheit gesprungen zu sein in der einst Dinge gesagt wurden, die die damalige Freundschaftsseele angekratzt haben und in denen es verzweifelte Momente gab, in denen man vom anderen erwartet hatte dass er bei einem ist – und die Person aber am anderen Ende der Welt lieber das eigene Leben leben wollte. Damals war mir das unverständlich.

Weil nun ein paar Jahre vergangen sind, in denen ich ein paar Dinge dazu gelernt habe, wusste ich beim jetzigen Treffen als die gleichen Dinge gesagt wurden, wie sie gemeint sind – weil ich es mittlerweile nachvollziehen kann. Das man manchmal weit weg gehen muss von Orten und Menschen um ganz für sich alleine glücklich zu werden und das man auf diesem Weg nicht immer jeden mitnehmen kann. Das ist dann gar nicht verletzend gemeint und nicht immer auf Dingen begründet die geschehen sind – das ist einfach nur eine sehr persönliche Entscheidung, wen man auf seine eigene Reise mitnehmen mag. Weil manche Menschen einen nur auf einem Teil des eigenen Weges begleiten und andere hingegen in der Vergangenheit und an vergangenen Orten bleiben müssen. Einfach, weil sie nicht mehr dazu gehören. Weil man sich und seine Welt verändert hat.

Die Sache mit dem Verständnis für eben solche Taten anderer ist ein bisschen wie mit dem Ratschläge geben: geht erst richtig Profi-mässig, wenn man die Situation selbst erlebt hat. Erst dann kann man wirklich nachvollziehen, wie die Dinge wirklich sind. Davor – ist es einfach nur sehr viel individuelle Interpretation, die aber eben auf den eigenen Erfahrungen beruhen, die sich nicht immer mit denen der anderen decken. Wenn man dieses interpretieren aber einmal hinter sich gelassen hat, blickt man anders auf die Geschichten der anderen und manchmal macht es eben genau der Blick aus. Eine Perspektive, die sich verändern muss damit man daraus lernen kann. Ich bin sehr glücklich, diesen einen Perspektivwechsel geschafft zu haben – und vielleicht… gelingt mir der mit der Zeit auch öfter.

Hinterlasse einen Kommentar