Was macht Tinder? Oder: vom suchen und nicht finden der Liebe.

Neuerdings fragen meine Freunde nicht mehr „Was macht die Liebe?“ oder „Was machen die Männer?“ – neuerdings lautet die Frage „Was macht Tinder?“. Als wäre Tinder für die Liebe-Suchenden das Äquivalent zum Tempo für die Taschentuch-Suchenden. Für mich ein frustrierender Gedanke, da mich die Welt von Tinder, Lavoo, LoveScout, Parship, OkCupid, Elitepartner und den ganzen anderen Plattformen nur selten verliebt gemacht hat. Zumeist wurde ich dort darüber informiert, dass ich zu klein, zu schwer, zu brav oder zu brünett bin – einmal war ich sogar zu gesund (gut, das war ein Kennenlernen im ‚echten‘ Leben). Auch habe ich gelernt, dass ich eine „selten dämliche Trulla“ bin, da ich keine Lust hatte, am Abend des Matches zum „entspannten kennenlernen“ vorbeizukommen.

Auf eine meiner Lieblingsfragen: „Warum bist du eigentlich allein?“ bekomme ich so täglich neue Antworten, da mir viele fremde Männer bereitwillig nach einem Match und ein paar anschließenden Nachrichten Ihre Erkenntnisse über meine – scheinbar zahlreichen – Defizite mitteilen. In einer Zeit, in der die große Liebe nur den nächsten Wisch entfernt zu sein scheint, ist uns aus meiner Sicht vor allem eines verloren gegangen: Geduld. Die Geduld, sich kennenzulernen, die Geduld miteinander zu sprechen, die Geduld, über die erste Oberflächlichkeit hinweg einen Menschen samt seiner Art, seines Charakters, seiner Persönlichkeit, seinen Interessen, seinen Hobbies, seinen Abneigungen und seinen Leidenschaften kennenzulernen. Letztlich benötigt genau das aber vor allem eines: Zeit. Wenn nun aber eine Sekunde – beziehungsweise einen Klick oder einen Wisch weiter – eine neue Chance lauert – wer will diese Kostbarkeit dann schon in jemanden investieren, der nicht zu 100% die eigenen Kriterien erfüllt? Heute kann man wählerisch sein und sich deshalb auf das kleinste Detail, das einem nicht gefällt stürzen und eben dieses zum Auslöser nehmen, einfach eins weiter zu wischen.

Resultat dieser ganzen Chose ist eine unterschwellig brodelnde Frage, die nach einigen Jahren des Single-Seins zunehmend am Rand meines Bewusstseins pocht: vielleicht bin doch ich der Grund? Lange habe ich mich gegen diese Aussage gesträubt, die irgendwann, sukzessive, nach und nach von immer mehr Freunden und Bekannten als Lösung für mein „Liebes-Dilemma“ aufgezeigt wurde. Ich wollte das schlicht nicht wahrhaben, weil ich dachte, dass ich doch – genau wie ich bin – durchaus vorzeigbar bin und mich deshalb keineswegs hinter die nächste Mauer (oder gar davon herab) stürzen muss, wenn es um das Thema Liebe geht. Mittlerweile habe ich verstanden, dass es darum auch gar nicht geht – es geht nicht darum dass ich zu klein, zu schwer, zu brav oder zu brünett bin – das sind Momentaufnahmen. Ich bin zwar auch mit High Heels noch klein, das ja – aber ich war schon leichter und schon schwerer, ja, ich bin oft brav – aber ich kann auch anders, meine Haarfarbe hat schon so einige Facetten von blond über rot bis hin zu schwarz erlebt, dämlich bin ich auch nicht – und also zu der Sache mit der Gesundheit: da fehlen mir auch Jahre danach noch die Worte, das klammere ich aus. Nicht also wegen meiner Rahmenkriterien falle ich aus dem Raster, vielmehr ist es die Suche nach dem Einhorn. Ich will ein Einhorn finden, eine Beziehung, etwas festes, etwas langfristiges und nicht den schnellen Spaß für Zwischendurch mit fremden Menschen die einem danach noch immer fremd sind. Und es gibt sie ja, diese Einhorn-Geschichten von glücklichen Beziehungen, die bei einem der genannten Portale ihren Ursprung hatten.

Und nun kann man darüber streiten ob insbesondere Tinder das geeignete Portal ist, um dort jemanden für die Einhorn-Geschichte zu finden. Fakt ist, dass hier zumeist in sehr kurzer Zeit auf Basis sehr weniger Kriterien entschieden wird, ob man dem anderen eine Chance auf ein Kennenlernen geben möchte – die man dann bei einem versehentlichen Like sofort unkompliziert wieder nehmen kann. Fakt ist auch, dass vermutlich die wenigsten Menschen hier nach Ihrem Einhorn suchen – manche dabei aber erfolgreich sind. Und trotz aller negativen Situationen, die ich erlebt habe, gab es auch viele sympatische Menschen, die ich kennenlernen durfte – manche davon sind sogar sehr gute Freunde geworden. Nur habe ich eben niemanden für den Klick – eigentlich den Doppelklick – kenngelernt, der für eine Beziehung notwendig ist. Und das eben parallel auch nicht über die berühmtesten beiden Kennenlern-Schmieden: den Freundeskreis und den Arbeitsplatz.

In Zeiten, in denen sich niemand die Zeit nehmen mag um jemanden vollumfänglich kennenzulernen und in der Beziehungen nur um der Beziehung willen geführt werden mit Menschen, in die man nicht verliebt ist und mit denen man keine 24 Stunden am Stück Zeit verbringen möchte (geht es aber eigentlich nicht um den ganzen Rest davon? Gemeinsam?), habe ich auf die Frage „Warum bist du eigentlich allein?“ keine konkrete Antwort mehr. Vielleicht ist „weil ich bisher kein Glück hatte“ die am ehesten richtige. Denn trotz aller Persönlichkeitstests, Minuten-Verliebungsversprechen, Spielereien und all der Einfachheit, die uns heute bei der Liebes-Suche geboten ist, ist es nicht einfacher geworden. Weil man in dem riesigen Menschenpool, der einem zur Verfügung steht, erst jemanden finden muss, der das Gleiche sucht. Und dann – DANN ist da noch der Klick, der bei beiden passieren muss. Und der ist selbst bei der größten Sympathie nicht garantiert – schlicht, weil eines dafür unumgänglich ist: eine große Portion Glück.


Passend hierzu: Bosse – 3 Millionen (#jemandsuchendallesabgesuchtundniemandgesehen)


 

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