Die Sache mit der Sentimentalität.

Sentimentalität, das ist so ein Wort über das ich immer wieder mal stolpere. So eines, das in Emotionen ausgedrückt manchmal so etwas ist wie ein Schlag ins Gesicht. Gar nicht unbedingt wegen dem Schmerz – nein, da ist die Spanne gewaltig und umfasst vom Achterbahnfahrt-Freudengefühl-Jetzt-geht-es-abwärts-huuuuiiiiiuuuuii-Gefühl bis zum Gedanken ’so geht es nun also zu Ende mir‘ – den meine innere Stimme bei großen Schmerzen schon mal geflucht hat. Dabei hängt man manchmal dann an Dingen, die einfach Dinge sind und mit denen man aber Erinnerungen so fest verzahnt hat, dass es sich anfühlt als würde das Ding einen mit großen Augen anschauen in denen man die Verlustangst herauslesen kann. Aktuell ist so ein Ding mein Laptop. Damals vor Jahren mit der ersten Bafög-Überweisung und dem Uni-Rabatt gekauft und sich schwer cool gefühlt mit dem kleinen weißen fancy teueren Ding das an meiner Medien FH quasi jeder hatte.  Überall hin mitgeschleppt, einmal mit einem Feuchttuch geputzt und danach in die Bib gefahren um die Hausarbeit fertig zu schreiben und plötzlich ging das „s“ nicht mehr, und wie danach das „i“ nicht mehr ging und immer mehr nicht mehr ging und schlicht die Tastatur kaputt war am Ende. Aber er wurde gerettet. Romane darauf verfasst, Liebesbriefe geschrieben, Fotos gehortet, mit Nagellack bespritzt, jahrelang mit ins Bett genommen für nächtliche Serienmarathons und gegen das Einsamkeitsgefühl und für Internetnächte gefüllt mit Katzen-Videos auf YouTube.

Und nun also geht das Gebläse in Turbinenlautstärke an, wenn ich zwei Tabs geöffnet habe und dann noch zusätzlich verwegen bin und meine E-Mails abrufen mag und generell ist alles so langsam wie das Internet nur ganz am Anfang war, als es Jahre gedauert hat bis sich die Verbindung zum Modem endlich aufgebaut hatte. Zunächst war das lang eine Challenge für meine Geduld. Ansatzweise gebessert durch neue fancy kleine Technik die man noch bequemer auf den Schoß vor dem Sofa benutzen kann und das so kompakt ist, dass es noch besser auf die linke Bettseite passt. Und doch schreibe ich damit keine E-Mails und auch keine Blogeinträge und doch sitze ich für umfassende Kleidungs-Bestell-Ekzesse lieber vor meinem Laptop. Alte Liebe rostet nicht.

Ich habe über Jahre hinweg Lesezeichenleisten gefüllt, die mir mein neuer Laptop nun wieder restauriert hat. Auch hier wieder: dieser Hauch von Sentimentalität. Das Wiederentdecken von Blogs, von YouTubeVideos. Das erkennen, wie viele Seiten es nicht mehr gibt, auf wie vielen Seiten seit Jahren nichts mehr geschehen ist. Ein komisches Gefühl. Weil ja, na klar – ich habe sie vergessen. Diese Seiten, diese Menschen die dahinter stehen, die aber einmal für eine Zeit mein Leben begleitet haben. Aber irgendwie, so denke ich doch oft, leben die doch dann einfach weiter so wie zuvor und wie kann das nun jetzt also sein, dass da seit 2009 nicht mehr geschehen ist? Weil im Umkehrschluss, einmal um die Kurve durchgedacht, muss das ja dann bedeuten, dass ich vermutlich schon lange zuvor nicht mehr auf Besuch bei dieser Seite war und 2009 das ist doch aber schon so lang und das müsste dann ja noch länger und. Und.

Auch die Jahre verstreichen im Sekundentakt.

So ist es doch. Gestern war das doch erst und manchmal erinnert man sich und man fühlt sich als wäre es erst letzte Woche gewesen. In den Momenten, in denen die Erinnerung flackert und unklar ist und dann – nur für einen Sekundenbruchteil, ganz fest ist, ganz starr, ganz klar und man sieht es vor sich und man erinnert sich und man riecht es und man schmeckt es und man ist wieder da wo man einst vor langer Zeit gewesen ist.

Vielleicht ist Sentimentalität also auch einfach Nostalgie nach einer Zeit. Ich bin nostalgisch, ich will manchmal auch einfach diese Momente zurück oder zumindest will ich ein Foto davon, damit ich diesen Sekundenbruchteil für eine Ewigkeit anstarren kann und anfassen, anfassen will ich das auch. Vielleicht einfach, damit es fester wird im Kopf.